Erfurter Immobiliengespräch - 20.09.2017

14. Thüringer Immobiliengespräch Erfurt
Mittwoch, 20. September 2017, 19:00 Uhr

 
 
„Moderne Ghettos wollen wir nicht“, sagte Paul Börsch, Amtsleiter für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadtverwaltung Erfurt, beim THÜRINGER IMMOBILIENGESPRÄCH. Er zeigte die wechselvolle Geschichte Erfurts in diesem Bereich auf, den großzügigen Rückbau, denn alle Prognosen wiesen auf eine Schrumpfung der Bevölkerung hin. „Als es dann einen Anstieg der Zahlen gab, wurden wir verbal verprügelt, keiner verstand mehr, warum wir abgerissen haben“, so Paul Börsch.

Nun wird in Erfurt mehr gebaut als je zuvor. Derzeit sind es 669 Wohneinheiten im Geschosswohnungsbau an 21 verschiedenen Standorten, 2018 sollen es 636 sein, davon 427 im B-Planverfahren. Viele davon sind das Ergebnis von kleinen und mittelgroßen Projekten. „Wir müssen eine Verknappung vermeiden, weil sie der größte Preistreiber ist. Durch den Druck allein viel bauen zu müssen, kann man die Kosten nicht senken.“ Die soziale Mischung sei ein großes Thema in Erfurt, eine kommunale Wohnflächenstrategie sei von Nöten. „Wir müssen mittelfristig kompakte Stadtquartiere vorbereiten, was natürlich auch zu harten Diskussionen führen kann.“
 
„Wir dürfen nicht in Hysterie verfallen, die Qualität muss gewahrt werden“, sagte Dr. Bernd Hunger, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V., Referatsleiter Stadtentwicklung und Wohnungsbau, sowie Vereinsvorsitzender des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V. Er zeigte beim THÜRINGER IMMOBILIENGESPRÄCH in Erfurt auf: Man kann mit normalen Kosten gute Qualität herstellen. Das haben schon andere Generationen gezeigt. Mit einem Kurzabriss erinnerte der Experte unter anderem an den Architekten Bruno Taut, der in den 1920er/1930er Jahren Konzepte mit viel Licht, Luft und Sonne umsetzte. Und Dr. Bernd Hunger zeigte auf, wie man diese Konzepte in die Jetztzeit retten kann. So in Cottbus Sachsendorf-Malchow: Die Hälfte des Areals wurde zurückgebaut, der Bestand weitreichend umgebaut.

„Diese Großsiedlung hat eine Zukunft“, war die Botschaft. Genau das brauche man, damit die Menschen eine solche Veränderung mittragen. Die Dresdner Klotzscher Höfe nannte er als Beispiel dafür, wie in einem Quartier viele kleine Quartiere mit unterschiedlichen Gesichtern einen ganz besonderen Charme erzielen. „Heute spielen vor allem moderne Mobilitätskonzepte und wohnungsnahe Versorgung eine sehr große Rolle.“ Als Akzeptanz-Killer für die Bewohner gilt das Wort Nachverdichtung: „Niemand darf in einem solchen Prozess der Verlierer sein.“ Dr. Bernd Hunger warb für das Beachten des seriellen Bauens und warnte vor affordable housing. „Wir kennen das, was da gerade in Amerika praktiziert wird, aus dem Kasernenbau. So etwas darf hier keine Zukunft haben.“
 
„Wir haben es hier mit einer Puppenstube zu tun, einer wunderschönen Stadt, auf die man zu Recht stolz sein kann“, sagte Filip John, Geschäftsführer GSW Gemeinnütziges Siedlungswerk GmbH, Projektentwickler und Bestandshalter von 600 Wohnungen in Erfurt. Beim THÜRINGER IMMOBILIENGESPRÄCH in Erfurt, moderiert vom Immobilienjournalisten Christian Hunziker, wies er darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit den Ämtern nicht immer reibungslos funktioniere. Und: „Vorhabenbezogene Pläne sind gut, doch manchmal möchte man Gestaltungsdinge später noch ändern, was dann nicht mehr möglich ist.“

Kathrin Möller, Vorstand GAG Immobilien AG aus Köln und gebürtige Erfurterin, berichtete über ihre Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen: Es fehle an kompetenten Mitarbeitern in den Ämtern, die man auf einem leer gefegten Markt auch nicht finde. In Köln soll nun ein Wohnungsbaukoordinator vor allem kleineren Bauträgern durch den Behördendschungel helfen. Eine Milliarde Euro investiert ihr Unternehmen im kommenden Jahr in den Bestand. Außerdem zeigte sie einige durchaus komplizierte Beispiele für einen gelungenen städtebaulichen Umbau in Köln.

„Das Fatalste ist, wenn in einem Wettbewerbsverfahren keine klaren Angaben gestellt werden, so Dr. Bernd Hunger, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V., Referatsleiter Stadtentwicklung und Wohnungsbau sowie Vereinsvorsitzender des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V. Das Verfahren müsse dem Standort entsprechen. „Die Planungshoheit der Kommune wird nicht durch die Wohnungsnot auf den Kopf gestellt“, so Paul Börsch, Amtsleiter für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadtverwaltung Erfurt, in der Diskussion vor über 70 Gästen. „Nur, weil jemand baut und damit die Not etwas lindert, kann er machen, was er will.“

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